Leseprobe

Wir haben drei Texte für Sie ausgesucht. Es handelt sich um kurze Ausschnitte aus verschiedenen Kapiteln, also quasi um »Appetithäppchen«, die Sie neugierig machen sollen!

Endlich kam der Tag, an dem das ersehnte Gespräch mit der Montessori-Pädagogin stattfinden sollte. Sie ging ausgesprochen behutsam mit uns um und trug vorsichtig ihre Vermutung vor. Sie erzählte, dass sie sich schon seit einiger Zeit mit einer speziellen Thematik aus der Psychologie beschäftigt habe und Marvins Problematik geradezu ein Paradebeispiel für ihre Vermutung sei. Sie zeigte Marvins Verhalten in der Gruppe auf, und wir erkannten ihn zu 100 % darin wieder.  Das war alles nicht neu für uns – im Gegenteil: Es war uns sehr vertraut. Ihre Überlegungen führten zu dem Schluss, dass es sich bei unserem Sohn Marvin um eine Form von Autismus handeln müsse.
    Diese Erkenntnis fühlte sich für uns – ganz anders als bei der Beurteilung der Neuropädiatrie – nicht wie ein Schlag ins Gesicht an, sondern hatte in eigentümlicher Weise gleich etwas Wahres und Vertrautes an sich.
    Wir atmeten tief durch. Doch was sollten wir nun tun?
    Frau Nahle gab uns die Adresse einer Autismus-Ambulanz. Okay, jetzt wollten wir es genau wissen! Die Bedrohung einer falschen Diagnose hatte sich für uns in eine neue Perspektive und eine Herausforderung umgekehrt, und wir blickten mit frischem Kampfgeist nach vorn. Wir würden der Sache auf den Grund gehen! Jetzt sofort!

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Asperger-Kinder sind ausgesprochen ehrlich, selbst dann, wenn es sich für sie nachteilig auswirkt. Ab einem gewissen Alter lernen Kinder, dass man gewisse Dinge nicht laut ausspricht. Sieht man zum Beispiel eine mollige Frau, dann kommentiert man dies nicht lauthals, weil man weiß, dass es die Person verletzen könnte ... Ich habe mit Marvin in dieser Hinsicht viel üben müssen und viel mit ihm besprochen. Und wenn ihm eine Beobachtung auf den Lippen brannte, durfte er sie mir leise zuflüstern. Inzwischen hat Marvin ein großes Repertoire passender Verhaltensweisen, sodass diverse peinliche Zwischenfälle ausgeblieben sind; denn nicht jeder kann ja mit der ungeschminkten Wahrheit umgehen. Das weiß auch mein Sohn inzwischen.
    Übrigens: Aus Boshaftigkeit oder um jemanden bloßzustellen und ihm wehzutun, machen autistische Kinder keinesfalls unpassende Bemerkungen, das liegt ihnen fern.

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Eines Abends klingelte dann das Telefon, und ich vernahm eine sanfte, aber bestimmte Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ja, hallo, ich bin Frau Rudolf, die Sonderpädagogin für Marvins Grundschule. Ich werde Marvin die erste Zeit begleiten, sodass er besser zurechtkommen kann.«
    Als ich die Stimme hörte, war mir so, als wenn ein Engel mit mir spräche. Als wenn dieser Mensch extra für uns entsandt worden wäre, damit wir weniger Angst haben müssten.
    Ich brauchte zum ersten Mal keine großen Erklärungen zu meinem Sohn abzugeben. Sie kenne sich mit dieser Form des Autismus aus und habe schon ein Kind mit einer ähnlichen Diagnose begleiten dürfen.
    Ich war sprachlos. Keine endlosen Debatten! Sie war so lustig, so positiv am anderen Ende der Telefonleitung. Ich hätte sie gleich umarmen können. »Unser Weg war richtig«, schoss es mir durch den Kopf. »Das wird richtig gut, wir können ein bisschen aufatmen.«

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