Leseprobe

Der Fischer und seine Frau

Es war einmal ein Fischer, der war mit seiner Frau sehr unglücklich. Hässlich war sie und maulfaul, sie konnte weder kochen noch küssen, sie schalt ihn oft, liebkoste ihn selten und stritt dauernd mit ihm.
     Da zog der Fischer eines Tages einen Fisch aus dem Meer, der hatte lauter goldene Schuppen. Der Fisch aber sprach: »Bitte, lieber Fischer, verschone mich!«
     Der Fischer hätte den Fisch vor Schreck beinahe fallen lassen, doch dann besann er sich und fragte: »Falls ich dich leben lasse, was bekomme ich dafür?«
     Der Fisch erwiderte: »Wenn du mich zurück ins Wasser wirfst, will ich dir einen Wunsch erfüllen.«
     Da fragte der Fischer arglistig: »Kannst du machen, dass ich meine schreckliche Frau loswerde?«
     Der Fisch wand sich und entgegnete: »Nun ja, das könnte ich schon ...«
     Da grinste der Fischer und rief: »Dann wünsche ich mir, meine schreckliche Frau loszuwerden.«
     Der Fisch seufzte und sprach: »Nun gut, so will ich dir mein Geheimnis verraten. Für jedes Mal, das du mit deiner Frau schimpfst, mit ihr streitest oder ihr ein böses Wort sagst, sollst du ihr fünfmal etwas Gutes tun oder sagen. Das musst du fünf mal fünf Tage tun. Am 26. Tage aber wird deine schreckliche Frau einfach verschwinden.«
     Der Fischer zog seine Stirn in Falten. »Und das soll funktionieren?«, fragte er.
     »Selbstverständlich«, entgegnete der Fisch, »ich kenne mich aus, ich bin schließlich ein Zauberfisch.«
     So recht glaubte der Fischer ihm nicht, aber er wollte sich die Gelegenheit auch nicht entgehen lassen. »Nun gut«, brummte er und warf den Fisch zurück ins Meer.

Als der Fischer aber nach Hause kam, hub er gleich zu schimpfen an. »Was ist denn das für ein Saustall hier?«, rief er. »Nie räumst du auf, du faules Stück!«
     Seine Frau keifte sogleich zurück: »Für wen denn auch? Du hast doch keine Augen im Kopf, das Schöne überhaupt zu sehen!«
     Der Fischer wollte ihr schon das Passende entgegnen, da entsann er sich der Worte des Fisches: »Für jedes Mal, das du mit ihr schimpfst, sollst du ihr fünfmal etwas Gutes tun oder sagen.« Aber was nur? Fieberhaft sah sich der Fischer in der Kammer um und sprach: »Natürlich habe ich Augen im Kopf. Ich, äh, sehe zum Beispiel, ähm, diese Blumen auf dem Tisch. Die habe ich natürlich bemerkt, und, äh, sie sind sehr schön.«
     Die Frau schaute den Fischer ungläubig an und fragte: »Sie sind dir also aufgefallen?«
     Der Fischer, der noch vier Nettigkeiten vollbringen musste, erwiderte: »Und ob! Genauso wie dein Haar, das, äh, heute so schön glänzt.« In der Tat hatte sich ein Sonnenstrahl ins Haar der Frau gestohlen und ließ es nicht ganz so matt aussehen wie sonst. Der Frau blieb der Mund offen stehen, wodurch sie nicht eben hübscher aussah.
     Der Fischer aber sprach: »Drittens ist mir gerade in den Sinn gekommen, was für herrliche Fischsuppe du zuweilen kochst, und viertens, ähm, habe ich dich schon als kleiner Junge angehimmelt.« Dann gab er ihr fünftens einen Kuss, lief hinaus und ließ seine Frau völlig verdattert zurück.

Draußen aber spülte sich der Fischer den Mund mit Meerwasser aus, weil er so viele hübsche Lügen über seine schreckliche Frau gesagt hatte. »Wobei der Sonnenstrahl in ihrem Haar wirklich nicht schlecht aussah«, dachte er, »und sie manchmal wirklich gute Fischsuppe kocht«. Dann sprach er zu sich: »Wie dem auch sei, in fünf mal fünf Tagen ist der ganze Spuk vorbei, und ich bin meine schreckliche Frau los!«

Als der Fischer wieder ins Haus kam, wollte seine Frau wissen, warum er mit einem Male so nett zu ihr sei.
     »Das ist ja mal wieder typisch für dich«, schimpfte der Fischer, »neugierig bis über beide Ohren und nie einfach mal schweigen können.«
     Empört stampfte die Frau mit dem Fuß auf, und dem Fischer fiel ein, dass er nun wieder fünf nette Dinge sagen oder tun musste. »Aber es ist ja auf der anderen Seite auch schön, dass du dich so für Menschen interessierst«, sprach er erstens, pries zweitens ihr Einfühlungsvermögen, bat sie drittens um Verzeihung für seine Reizbarkeit, dankte ihr viertens für ihre Nachsicht und nahm sie fünftens in die Arme.
     Sprachlos ließ die Frau es geschehen, während der Fischer dachte: »O ihr Götter, lasst mich diese fünf mal fünf Tage überleben.«

So vergingen die Tage, und die Frau freute sich, dass ihr Mann so viel freundlicher geworden war, auch wenn er zuweilen noch in die alten schlechten Gewohnheiten verfiel. Seine Nettigkeiten ließen ihr erkaltetes Herz schmelzen, und sie entdeckte die Zärtlichkeit wieder, die sie einst für ihn empfunden hatte. Sie begann, ihm im Vorübergehen über den Arm zu streichen, sich für ihn hübsch zu machen und gute Fischsuppe für ihn zu kochen. Denn ihr Mann fragte nach, wie es ihr gehe und wie die Hausarbeit gewesen sei, er gab ihr hier ein Küsschen und da ein Kompliment.
     Immer liebevoller gingen die beiden miteinander um, und das Herz der Frau erwärmte sich immer stärker, bis schließlich wieder Sehnsucht in ihr erwachte, ihren Mann zu herzen und bei ihm zu liegen. So schmiegte sie sich eines Abends an ihn – es mochten wohl dreieinhalb Wochen her sein, seitdem ihr Mann so freundlich geworden war –, und sie liebkoste ihn, er liebkoste sie, und gemeinsam genossen sie die Freuden der Liebe.
     »Sie ist eigentlich gar nicht so übel«, dachte der Fischer, als er ermattet und lächelnd neben ihr lag. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: »Vergangene Tage! Fünf mal fünf Tage! Heute lässt der Fisch meine schreckliche Frau verschwinden! Ich muss ihn aufhalten!«
     Wie vom Stachelrochen gestochen sprang er aus dem Bett und lief, noch immer nackt, hinunter zum Strand. »Halt, Fisch, halt!«, brüllte er. »Du brauchst meine schreckliche Frau nicht mehr verschwinden zu lassen! Ich will sie behalten!«

Da erschien der Fisch und sprach: »Dafür ist es nun zu spät. Der Zauber hat seine Wirkung bereits entfaltet. Deine schreckliche Frau ist fort. Sie hat sich durch deine Worte und Taten in eine wunderbare Frau verwandelt. Aber wenn du unbedingt willst, kannst du deine alte schreckliche Frau zurückhaben. Du musst bloß wieder so mit ihr umgehen wie früher.«

Da wusste der Fischer nicht, ob er lachen oder weinen sollte, ob er den Fisch erschlagen oder ihm danken sollte. Weil er aber endlich wieder glücklich mit seiner Frau war, lief er eilends nach Hause, um sie gleich noch einmal zu lieben.

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